Kategorien
Bibel-Stück

„Ich bin geworden wie eine Eule in den Ruinen“

Der 102. Psalm – eine zeitlose Gottesklage

Es wird viel gebetet in diesen Tagen – aber geht das überhaupt? Und wie? Und können die millionenfach gebeteten Psalmen dabei helfen? Psalm 102 hat mich tief berührt, mit seiner drastischen Anklage an Gott und seinem tiefen Vertrauen auf dessen ewige Liebe.

Psalm 102,1-12 und 25-28 in der Übersetzung von Erich Zenger
(Erich Zenger: Psalmen. Auslegungen; Herder Verlag 2011, S.560-561)

Musik: „Morning Train“ von Wolf Schweizer-Gerth (lizensiert über Cayzland.de).

Textfassung

In der letzten Folge ging es um die lila Fee Galaktika, von Dorfbewohnern herbeigerufen als Retterin in der Not. Und jetzt wünsche ich mir fast selbst eine solche Fee, nicht für mich selbst, sondern für die Menschen in der Ukraine. Die kämpfen, flüchten, sich fürchten, ausharren, Angst haben, den Mut der Verweiflung entdecken, hoffen und beten.

Ja, beten. An vielen Orten werden in diesen Tagen Friedensgebete organisiert, ökumenisch oder auch interreligiös. Aber – das war schon eine Frage der letzten Folge – was bringt das? Warum beten wir immer noch um Frieden, wenn doch der Krieg längst da ist? Schlimmer noch: Waren wir in der Kirche nicht etwas naiv mit unserem Vertrauen darauf, dass der Frieden ohne Waffen geschaffen werden kann? Wo ein ganzes Volk darunter leidet, dass es nicht ausreichend bewaffnet ist.

Dieses Thema wäre einer eigenen Folge wert, aber im Moment kann ich das nicht. Denn die Nachrichten und Bilder aus der Ukraine sind zu stark, jetzt ist nicht die Zeit für prinzipielle Überlegungen zu Krieg und Frieden. Für mich jedenfalls ist heute nicht die Zeit dazu.

Zurück zum Gebet, denn trotz allem beten Menschen in diesen Tagen. Miteinander und Füreinander. Nebeneinander, sofern die Pandemie das zulässt – und über tausende von Kilometern hinweg. Verwandte und Freundinnen beten füreinander. Andere, die gar niemanden aus der Ukraine kennen, beten für Unbekannte, sprechen Hoffnungen aus, die diese Menschen kaum noch haben können. Aber vielleicht hat ja Gott diese Hoffnung für uns.

Unterschiedlichste Menschen beten unterschiedlichste Worte, wortreich und stotternd, andere schweigen einfach Gott ihre Sehnsucht und ihre Verzweiflung entgegen. Wieder andere benutzen alte, schon oft gebetete Worte. Immer wieder die Psalmen.

Eigentlich erstaunlich, wo sie doch Jahrtausende alt sind und vom vielen Gebetetwerden mittlerweile abgenutzt sein müssten. Doch sie sind zwar sprachlich etwas fern, inhaltlich: taufrisch.

Ich bin auf den 102. Psalm gestoßen. Die Nummer tut fast gar nichts zur Sache, auch nicht, dass das der fünfte Bußpsalm der Tradition ist. Seine Worte, seine Worte, seine Sprache, haben mich tief getroffen, gerade im Moment. Denn viel drastischer, als es sich die meisten Gebetet trauen, klagt dieser Psalm Gott an:

Ich lese aus ihm in der Übersetzung von Erich Zenger:

1 Bittgebet von einem Armen, wenn er kraftlos wird
und vor dem Ewigen seine Klage ausschüttet.
2 Ewiger, höre doch mein Bittgebet,
und mein Schreien, zu dir kommt es.
3 Verbirg dein Angesicht nicht vor mir.
Am Tag, da ich in Not bin, neige zu mir dein Ohr,
am Tag, da ich rufe, eilends antworte mir.

Ein langer Anlauf. Kein Wort davon, was die Beterin genau will. Zunächst wird die Kommunikation geklärt. Es ist ernst und Gott soll gefälligst zuhören. Er soll antworten, und zwar schnell. Der Ewige soll sich nicht herausreden können, dass er ja in der Ewigkeit anderswo genug zu tun habe. Hier wird er gebraucht. Eine Bitte ebenso wie eine Forderung. Verzweiflung gepaart mit Selbstbewusstsein: Ich bin es wert, dass Gott sich um mich kümmert.

4 Denn geschwunden sind in Rauch meine Tage,
und meine Gebeine – wie ein Feuerherd sind sie durchgeglüht.
5 Versengt ist wie Gras und verdorrt mein Herz,
dass ich sogar vergaß, mein Brot zu essen.
6 Vom Herauspressen meines Stöhnens
klebt mein Gebein an meiner Haut

Was für eine Schilderung. Dieser Mensch ist im Zentrum verwüstet. Das Herz, das damals als der Sitz von Verstand und Emotion galt, es ist verdorrt. Es ist unfähig zu Gedanken und Gefühlen, zu sinnvollen zumindest. Die Klage ist so stark, dass sie körperlich weh tut. In der Not ist sogar das Essen nebensächlich.

7 Ich bin gleich geworden einer Dohle in der Wüste,
ich bin geworden wie eine Eule in den Ruinen.
8 Ich habe gewacht und ich bin geworden
wie ein vereinsamter Sperling auf einem Dach.
9 Den ganzen Tag haben mich verspottet meine Feinde,
die mich verhöhnen – mich haben sie im Fluch genannt.

Der Beter fühlt sich am Rand der Gesellschaft, ausgestoßen. Wie in der Wüste, wie in Ruinen, wie Dohle und Eule. Zwei Vögel, die nach dem Gesetz des Mose unrein waren. Die Beterin passt also gleich doppelt nicht mehr hinein in die Gesellschaftsordnung. Wie ein Sperling auf dem Dach ist sie, dort, wo sich die Klageleute zur Totenklage versammeln. Und Feinde hat sie genug. Vollständige Verzweiflung, unbehaust in der Gesellschaft, in der Nachbarschaft, im eigenen Leben.

Diese Worte sind so offen für eigene Erfahrungen. Wenn es völlig egal ist, ob jemand sagt: Stell dich nicht so an. Doch, ich will mich anstellen, denn genau so geht es mir. Und du, Gott, in deiner Ewigkeit, musst hören, wie es dort sein kann, wo nichts ewig, sondern alles am Abgrund ist.

Jetzt richtet sich die Verzweiflung gegen Gott – zwischen Anfrage und Anklage:

10 Ja, Staub habe ich gegessen wie Brot,
und meinen Trank habe ich gemischt mit Tränen
11 wegen deines Grimmes und deines Zornes,
denn du hast mich aufgehoben und hast mich hingeworfen.
12 Meine Tage sind wie ein lang gezogener Schatten,
und ich – wie Gras verdorre ich.

Da schmeckt einer den Tod und erlebt Gott nicht als Liebenden, sondern als Zornigen. Offensichtlich grundlos, von Sünde oder Schuld keine Rede.

Im Gegenteil: Gott, der den Menschen liebevoll hochnimmt und sich dann um ihn kümmern sollte, wirft ihn achtlos weg und geht weiter in seiner Macht und Ewigkeit. So wie ein Mensch einen lästigen Käfer abschüttelt. Und so sind die Tage dunkel und der Beter vertrocknet wie Gras, das kein Licht mehr sieht.

Ein Gebet einer abgrundtief Verzweifelten. Und gerade deshalb anschlussfähig für alle, die keine vorsichtigen, freundlichen, abgewogenen Gebete mehr hören können.

Aber wenn es mir nicht so geht – zum Glück. Kann ich es auch beten? Soll ich mir diese Worte aufsparen, bis ich reif dafür bin? Oder ist es doch jetzt dran? Wo die Nachrichten aus der Ukraine mich ahnen lassen, wann Menschen solche Sätze beten könnten. Aber vielleicht haben sie gar keinen Kopf, keine Fantasie für solche Worte. Wenn das Gehirn auf Fluchtmodus geschaltet wird, die Kraft höchstens für ein einsilbiges Stoßgebet reicht oder nur für wortlose Verzweiflung.

Kann ich dann stellvertretend beten? Ist das anmaßend? Hilft es?

Und doch: Wenn ich solche Worte spreche, dann gebe ich denen meine Stimme, die keine Kraft mehr dazu haben. Mehr noch: Ich stelle mich an ihre Seite. Ich bin für Augenblicke nicht mehr bei denen, denen es hier gut geht und die fürchten, dass Sanktionen auch für sie unbequem werden können. Ich bin bei denen, die auf der Flucht sind, die in U-Bahn-Stationen kauern und nicht wissen, wann sie wieder hinauskönnen. Bei den Familien, die an der Grenze auseinandergerissen werden. Bei den Soldaten, die in die Nacht hinausstarren.

Natürlich kann ich nicht wirklich nachvollziehen, wie sie sich fühlen. Ich sitze unter dem festen Kirchendach, kann hinausgehen, wohin ich will. Oder in meinem warmen Zimmer. Ich bin nicht dort. Und doch bin ich bei ihnen, in Worten, die weder die meinen, noch die ihren sind. Vielleicht ändert das etwas an ihrer Not. Vielleicht ändert es auch etwas an meiner Haltung. Ganz sicher bildet es Gemeinschaft.

Ich mache im Psalm nun einen Sprung, denn jetzt kommt ein Einschub, in dem es nicht mehr um eine einzelne Beterin geht, sondern um das Volk Zion als Ganzes. Das ist auch ein wunderbares Gebet, aber ich kehre zum Psalm zurück, wenn uns der individuelle Beter wieder begegnet.

25 Nimm mich nicht hinweg in der Mitte meiner Tage:
26 Voreinst hast du die Erde gegründet,
und Werk deiner Hände sind die Himmel.
27 Sie – sie vergehen, du aber – du bleibst,
sie alle – wie das Kleid zerfallen sie.
Wie ein Kleid wechselst du sie und sie werden erneuert.
28 Du aber – du bist derselbe,
und deine Jahre – sie enden nie.

Die Beterin rückt Gottes Maßstäbe gerade: Uns sind die Tage wichtig und die Tage quälen uns – Gott denkt höchstens in Jahren. Und das muss anders werden. „Nimm mich nicht hinweg“, denke nicht in Generationen, sondern an mich!

Dann der Umschwung. Als ob der Beter eine Antwort bekommen hätte. Plötzlich schafft die Ewigkeit Gottes keine Distanz mehr, sondern die Sicherheit, dass ich nirgends hinfallen könnte, wo Gott nicht ist. Gottes Jahre enden nie, was auch immer passiert. Die irdischen Verhältnisse vergehen, werden von Gott abgestreift und neu angezogen. Auch Putins Reich, auch die anderen Reiche. Gott aber bleibt derselbe und damit seine Liebe zu mir. Denn wenn er mich gemacht hat, dann bin ich für immer sein Geschöpf.

Ich bin nicht klein angesichts der Ewigkeit Gottes, ich bin in ihr verwurzelt und damit selbst ewig.

Das ist keine kugelsichere Weste, aber ein Versprechen, dass wir niemals allein sind. Vielleicht ist es kein großer Trost, so etwas in der Not zu lesen und zu hören. Vielleicht gerade ganz besonders.

Wenn wir es beten, die es besser haben, dann werden wir Teil des Versprechens Gottes an die Menschen in Not. Sie können uns nicht mehr egal sein. Wir müssen tun, was wir können. Und können gleichzeitig glauben, dass Gott bei ihnen ist, was wir nicht können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.