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Galaktika

„Wir rufen dich Galaktika“: Dota singen 2021 von einer lila Fee als letzter Rettung in der Klimakrise – natürlich ironisch. Letztlich sind wir nicht aus der Pflicht, können uns nicht in Feenträume retten. Aber wie ist das mit Gebeten? Machen wir es uns zu einfach, wenn wir die Weltrettung an Gott delegieren?

Dota: „Wir rufen dich, Galaktika“
Daraus werden zitiert oder erwähnt:
„Wir rufen dich, Galaktika“
„Ich bin leider schuld“
„Fotosynthese“
Musik und Texte: Dota Kehr, 2021

Das Zitat aus dem Matthäusevangelium:
Matthäus 25,40 (BasisBibel)

Musik: „Morning Train“ von Wolf Schweizer-Gerth (lizensiert über Cayzland.de).

Textfassung

Hinweis: Es handelt sich hier nicht um ein Transkript, sondern um das Manuskript zur Folge. Deshalb kann es vom Wortlaut her vom Podcast leichter oder auch deutliche abweichen.

2021, im letzten Jahr, mitten in der Corona-Pandemie, veröffentlichte die Berliner Liedermacherin Dota Kehr mit ihrer Band Dota ein neues Album heraus: „Wir rufen dich, Galaktika“. Dota besingen alle möglichen Themen, darunter auch den Klimawandel. Hier aber vor allem mögliche Reaktionen darauf. Nicht ganz ernst gemeint der Vorsatz:

Warum denn so viel Aufwand? Warum so viel Gewese?
Ich lern jetzt was Vernünftiges. Ich lern Fotosynthese.

Dann aber als durchaus mögliche Antwort: ein andauernd schlechtes Gewissen: „Ich bin leider schuld“, durchaus ironisch wird der schmale Grat besungen zwischen Verantwortungsbewusstsein und Sack und Asche.

Schließlich der Titelsong: „Wir rufen dich Galaktika“. Seine erste Strophe lautet so:

Soviele Grabenkämpfe
Soviel verschwendete Energie
So ermüdend und öde
So klappt es nie
Ich seh’s ein und geh trotzdem demonstrier’n
Für die bessere Welt, wie auch immer die sei, aber
Insgeheim wünsche ich eine einfache Lösung herbei

Zum Beispiel eine lila Fee
Die kommt und uns raushaut
Die uns alle erlöst
Denn wir haben Mist gebaut

Wir rufen dich, Galaktika
Wir rufen dich, Galaktika
Renk es ein, mach dass es geht
Von deinem Stern Andromeda
Von deinem fernen Stern Andromeda
Bitte komm bald, es ist noch nicht zu spät

Die titelgebende Fee Galaktika entstammt der Kinderserie „Hallo Spencer“ und wird von den Bewohner:innen des kleinen Runddorfs sofort gerufen, wenn die ein Problem haben. Meistens löst sie es im Handumdrehen, aber ab und zu weigert sie sich und erinnert das Dorf an seine eigene Verantwortung.

Dota nennen Galaktika einen „Säkularen Engel“ und sie schlagen damit die Brücke zur Religion. Denn auch hier gibt es diese Sehnsucht: Dass Gott oder Jesus oder irgendein Engel einfach kommt und uns raushaut, uns alle erlöst. Und mit „Erlösung“ ist dann eindeutig „Problemlösung“ gemeint. Auch wenn „Erlösung“ im biblischen Sinn eine kompliziertere Angelegenheit ist.

Das Volk Israel schreit aus der Knechtschaft in Ägypten nach ihrem Herrn, dass er sie aus ihrem Elend erlöst. Gott antwortet und schickt Mose, arrangiert den Auszug gegen den Willen des Pharao. Aber in der Folge etabliert sich ein Muster: Das Volk hört nicht auf Gott, macht sein eigenes Ding, bekommt Probleme und schreit dann wieder zu Gott, dass er sie raushaut.

Die Gebete wiederum, im Alten wie im Neuen Testament, die Psalmen ganz besonders, sind oft Klageschreie. Verzweifelt wird das Eingreifen des mächtigen Gottes gegen die Gottlosen erbetet. Menschen, die nicht an Gott glauben, haben diesen Ausweg natürlich nicht. Wenn ich an keine übernatürliche Macht glaube, dann bleibt mir gar nichts anderes übrig, als die Probleme innerweltlich selbst zu lösen.

Aber was ist daran verkehrt? Ist das nicht eigentlich unsere Aufgabe. Drücken wir uns nicht mit dem Ruf nach Galaktika oder dem Gebet zu Gott davor, unsere Pflicht zu tun? Es ist doch viel bequemer, auf überirdische Hilfe zu hoffen, als uns selbst zu änder. Wie Dota singen:

Zauber das gute Leben für alle
Wir woll’n Nachhaltigkeit, aber ohne Verzicht
Wir woll’n irgendwie Revolution
Aber dass sie uns was wegnimmt, woll’n wir nicht
Wir woll’n Komfort ohne Reue
Das Schicke und Neue
Und die bleiben, die wir sind.
Einfach: Privilegien für alle!
Und Rettung, bevor es wehzutun beginnt

Den Verfasserinnen und Verfasser der Bibel ist das Problem bewusst. Ihre Texte setzen sich damit eingehend, oft schmerzhaft auseinander.

Auf der einen Seite beschreiben sie einen Gott, der sich das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen lässt, schon gar nicht von den Menschen. Viele der Katastrophen, in die das Volk Israel gerät, kommen daher, dass das Volk seinen Gott nicht machen lässt. Sie wollen selbst für ihr Heil verantwortlich sein.

Kapitellang wird die Frage diskutiert, ob das Volk Israel einen König haben soll wie die anderen Völker. Denn haben sie nicht Gott? Wohin führt es, wenn sie sich von ihm abnabeln? Dahinter steckt nicht die Vorstellung, dass Gott uns Menschen unmündig halten will. Er weiß einfach um unsere Grenzen. Allein gelassen laufen wir Gefahr, unsere Welt in den Sand zu setzen.

Eben weil er uns nicht entmündigen will, bringt Gott als Leitschnur für uns sein Wort auf die Welt. Mehrmals werden Gesetze spektakulär zu den Menschen gebracht. Und dann wird Jesus als lebendiges Wort Gottes geboren. Ich will beides hier weder erklären, noch vergleichen, schon gar nicht das eine gegen das andere ausspielen. Aber hinter beidem steckt: Gott will uns Menschen eigene Wege gehen lassen, aber uns nicht alleine in die Welt schicken.

Ohne religiösen Beiklang: Wir können durch Intelligenz und Bewusstsein uns verletzen, uns töten, die Welt zerstören. Aber wir können uns damit auch Gesetze und Regeln geben, um Katastrophen zu verhindern. Unsere eigene Galaktika sein. „Es ist unsere verdammte Pflicht, eine kriegerische Eskalation zu verhindern“, sagte Kanzler Olaf Scholz vor einigen Tagen mit Blick auf die Ukraine. Ich weiß nicht, ob das gelungen sein wird, wenn Sie und Ihr diesen Podcast hört. Aber in diesen Worten steckt die Zuversicht, dass wir unsere Welt ordnen können – und die Pflicht, dass wir das tun müssen, obwohl es schwer ist.

So endet auch Dotas Lied:

Und ich weiß
Du kommst natürlich nicht
Und ja, das heißt
Wir sind nicht aus der Pflicht
Aber ach lasst mir diesen Moment
In ihrem lila Licht

Dass wir nicht aus der Pflicht sind, dem würde die Bibel zustimmen – unbedingt. Für die Propheten des Alten Testaments ebenso wie für Jesus Christus ist Gottesdienst Dienst am Menschen.

Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan.

So Jesus im Matthäusevangelium. Religionen spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle, eine viel größere unsere Zugehörigkeit zueinander.

Bis hierher stimmen Dota und die Bibel überein. Der Unterschied ist, dass für Dota als Gegengewicht zur Pflicht nur das lila Licht der Feenträume bleibt. Träume, die keine Realität haben.

Natürlich würden Atheist:innen unsere Gebete genauso deuten: Träume von Gott, Flucht aus dem Alltag, ohne Anhaltspunkt in der Realität. Aber im Glauben sind sie viel mehr: Kommunikation mit einem Gott, den es wirklich gibt und der bei uns ist. Der nicht mit einem Zauberspruch unsere Probleme löst, sondern uns die Kraft gibt, diese Probleme selbst anzugehen. Gebete sind deshalb so stark, weil sie Dialoge sind.

Zum Glück trennt uns das alles nicht mehr. Egal, ob wir unsere Kraft aus Verstand, Gesetz, Liebe oder Glaube ziehen – oder aus einer Kombination davon: Die Verantwortung für diesen Planeten ist eine gemeinsame. Und ich bin froh, dass so viele sie ergreifen, egal aus welchen Kraftquellen sie schöpfen.

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