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Predigt-Stück

Göttlicher Ruhm

Prophet Jeremia – können wir auf irgendwas stolz sein?

Zu Beginn des 6. Jahrhunderts vor Christus (wahrscheinlich) greift der Prophet Jeremia seinen König und sein Volk scharf an. Es geht darum, worauf wir stolz sein können. Jeremia fällt nur eine Sache ein … Können wir mitgehen?

Textfassung

Hinweis: Es handelt sich hier nicht um ein Transkript, sondern um das Manuskript zur Folge. Deshalb kann es vom Wortlaut her vom Podcast leichter oder auch deutliche abweichen.

Wir setzen uns in Gottesdiensten freiwillig uralten Texten aus. Und jemand, der oder die von außen in unsere Gottesdienste kommt, kann schon fragen: Wieso eigentlich?

Nehmen wir den Predigttext für den 13. Februar 2022. Entstanden irgendwann im sechsten Jahrhundert vor Christus. Gelesen im Jahr 2022 nach Christus.

So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Abgesehen davon, dass wir gar nicht mehr wissen, wann diese Worte zum ersten Mal gesprochen wurden und wer dieser Jeremia überhaupt war: Wir sind nicht seine Gemeinde. Wir sind nicht das Volk von Jerusalem, am Anfang des 6. Jahrhunderts vor Christus. Wir sitzen nicht in einer belagerten Stadt, eingeschlossen von der mächtigsten Großmacht dieser Zeit, dem babylonischen Reich. Wir sind nicht einer willkürlichen Machtelite ausgeliefert, die ungehindert von irgendwelcher Gerichtsbarkeit die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Wir sind nicht das Opfer einer Politik, die auf die falsche Großmacht gesetzt hat. Wir haben unsere eigenen Probleme. Und mit diesen Problemen hören wir trotzdem heute die gleiche Botschaft. Verse, die einen langen Weg hinter sich haben.

Gott (so die Überlieferung) hat diese Worte dem Propheten Jeremia eingegeben, der hat sie ausgesprochen, irgendjemand anders hat sie aufgeschrieben, andere haben sie abgeschrieben, wieder andere haben sie mit anderen Worten zum Jeremiabuch zusammengefasst, das wurde Teil der Bibel, die immer wieder abgeschrieben, dann immer wieder gedruckt wurde, schließlich übersetzt und schließlich habe ich diese Worte in dieser Podcastfolge vorgelesen. Und nun stoßen sie auf die Erfahrungen von Menschen des 21. Jahrhunderts.

Es kann nun sein, dass wie beim Spiel „Stille Post“ wir etwas ganz anderes verstehen als das, was damals Jeremia gemeint hat. Korrekter: Das lässt sich gar nicht vermeiden. Denn, wie gesagt, wir sind nicht die Gemeinde des Jeremia. Aber wenn es gute, zeitlose Worte sind, dann sprechen sie heute trotzdem zu uns.

Ihre Stärke ist vielleicht gerade, dass ich sie mir nicht vor dem Einsprechen der Folge noch schnell ausgedacht habe, weil sie so schön klingen, sondern dass sie über Jahrtausende immer wieder gehört, gelesen, diskutiert, missverstanden, interpretiert, vernachlässigt, wiederentdeckt und von neuem diskutiert wurden.

Was schleudert uns Jeremia da über die Jahrhunderte hinweg entgegen: „Rühmt euch nicht eurer Weisheit, eurer Macht, eures Reichtums“. Wie reagieren wir darauf?

Einige Möglichkeiten:

Die erste: Tun wir doch gar nicht. Wir gehen doch nicht herum und geben mit dem an, was wir haben. Ist kein guter Stil und kommt auch nicht gut an: Wer in der Mathearbeit eine Eins hat, sollte damit nicht protzen. Sollte es eigentlich gar nicht laut sagen. Klar gibt es Menschen, die großtun mit ihrer Villa, ihrem Professorentitel, ihrem Sitz im Bundestag. Aber wir doch nicht.

Die zweite: Warum denn eigentlich nicht? Ist es nicht wunderbar, sich an dem zu freuen, was ich erreicht habe, und das auch zu zeigen. Wenn ich mit harter Arbeit mir ein Häuschen bauen konnte mit einem wunderschönen Garten, darf ich dann nicht stolz auf der Bank vor meinem Haus sitzen und mich daran freuen? Wenn ich meine Frau jahrelang gepflegt habe, so dass sie nicht ins Heim musste, klar, das ist irgendwie selbstverständlich, habe ich ihr damals am Altar auch versprochen – aber ist es nicht auch eine Leistung? Oder wenn die ganze Küche duftet und die Gäste nachher nach dem Essen satt und zufrieden aufs Sofa sinken um gemütlich zu klönen, darf ich mich dann nicht über das Lob freuen? Muss ich dann wirklich sagen: „War doch nichts Besonderes!“? Denn es ist ja etwas Besonderes!

Manchmal können wir nicht anders, als stolz zu sein auf das, was wir geschafft haben. Und das sieht man uns dann auch an! Und warum auch nicht? Ich freue mich doch auch an dem, was andere geschafft haben – oder versuche es zumindest. Was will dieser Jeremia eigentlich?

Vielleicht ist eine erste Antwort darauf: Das alles ist nicht ewig. Jeremia ruft seinem König zu. Sei dir nicht zu sicher. Setze das, was du erreicht hast, nicht durch einen Krieg aufs Spiel. Missbrauche deine Position nicht dazu, andere zu demütigen.

Auf uns bezogen: Nach dem wunderbaren Essen kommt der Abwasch und der ist wenig ruhmreich.

Und vielleicht kommt der Augenblick, indem ich das Gartentor meines Häuschens zum letzten Mal hinter mir zuziehe, weil mir das alles zu groß geworden ist, zu mühsam, weil die Knochen nicht mehr mitmachen und ich den Weg von der Küche ins Esszimmer nicht mehr allein finde.

Oder es kommt nach den langen Jahren der Pflege der Augenblick, wenn es keine Leistung mehr ist, dass ich für sie da war, das alles überhaupt keine Rolle mehr spielt. Dann ist es nur wichtig, noch ein letztes Mal zusammen zu sein, die Hand zu drücken, das Lied zu summen, ein Gebet zu sprechen.

Das heißt alles nicht, dass wir nicht stolz sein dürfen auf das, was uns gelungen ist. Dass wir es nicht genießen dürfen. Wir brauchen die Erfahrungen, etwas geschafft zu haben, das Gefühl zu haben, etwas wert zu sein. In solchen Momenten fühlen wir uns besonders lebendig. Und so hat uns Gott ja auch geschaffen. Aber – irgendwann heißt es auch, loszulassen. Und was gibt uns dann die Kraft?

Jeremia predigt nicht nur, wessen wir uns nicht rühmen sollen. Er macht eine Ausnahme: Wir dürfen uns rühmen, sollen uns sogar rühmen, dass wir Gott kennen. Eine gefährliche Formulierung. Denn sein König hätte ihm entgegnen können: „Guter Mann, das tue ich. Ich gehe in den Tempel, wie ich soll, ich bringe die Opfer, wann ich soll, ich halte den Sabbat, wie es vorgeschrieben ist.“

Und es ist ja nicht wirklich besser, mich für besonders wertvoll zu halten, weil ich jeden Tag dreimal bete, Sonntags in die Kirche gehe, eine Menge Bibelverse auswendig und die alten Choräle im Schlaf anstimmen kann. Wunderbare Dinge, aber das macht aus mir noch keinen guten Menschen. Auch wenn es helfen kann.

Entscheidend ist, was Jeremia über diesen Gott sagt:

dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden.

Kein Gott, der Krieg führt und Heeren vorangeht. Kein Gott, der in prunkvollen goldenen Statuen dargestellt wird. Kein Gott, der seinen Priestern die Taschen füllt. Nein, ein Gott, der Beziehungen stiftet. Beziehungen, die auf Gerechtigkeit gründen. In denen vergeben wird, Unrecht gerade gerückt.

Das, was Jeremia von seinem König verlangt, könnten wir religiös oder weltlich umformulieren.

Weltlich: Deine Welt ist in Ordnung, wenn sie von einer Weltordnung geprägt ist, in der Menschen ohne Angst und gleichberechtigt zusammenleben können. Wo niemand ausgegrenzt wird. Wo Fehler zugegeben werden können und Unrecht rückgängig gemacht wird.

Religiös: Dein Leben hat einen Sinn, über den du laut jubeln kannst, wenn du auf einen Gott vertrauen kannst, der Beziehungen stiftet. Einen Gott, der Menschen zueinander führt. Einen Gott, der mitten drin ist in dieser Welt, auch da, wo Menschen gequält werden. Einen Gott, der unsere Fehler nicht liebt, wohl aber uns.

Sind Menschen weniger wert, wenn sie kein Abitur machen – oder wenn sie in die Demenz abgleiten? Sind Menschen weniger wert, wenn sie im Rollstuhl sitzen? Und sind sie weniger wert, wenn sie nicht zu den Großverdienerinnen gehören? Die allermeisten Menschen würden darauf mit „Nein“ antworten. Unsere Gesellschaftsstrukturen antworten aber häufig mit „Ja“. Jeremia und sein Gott sagen ganz klar „Nein!“

Einen solchen Gott zu haben, kann Stabilität geben, auch wenn wir weder stark, noch reich, noch weise sind. Sich eines solchen Gottes zu rühmen heißt: Sich darüber zu freuen, dass es solche Sicherheit im Leben gibt. Eine dauerhafte – der Glaube sagt: ewige – Sicherheit, die ich nicht selbst produzieren muss. Ich bekomme sie von Gott gestellt.

Musik: „Morning Train“ von Wolf Schweizer-Gerth (lizensiert über Cayzland.de).

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